Das Ich, die Person: Das Modell der emotionalen Schichten






    "Die erste und allerwichtigste Verantwortung eines jeden, der den Anspruch hat zu führen, besteht darin, sich selbst zu führen - in Hinblick auf Integrität, Charakter, Werte, Wissen, Temperament, Worte und Handlungen. Es ist eine komplexe, niemals endende, unglaubliche und oft vermiedene Aufgabe. Die Selbstführung ist etwas, dem wir wenig Zeit widmen und in der wir selten erfolgreich sind, denn die Selbstführung ist weitaus schwieriger als das Verhalten anderer vorzuschreiben und zu kontrollieren. Ohne Selbstführung ist niemand zu Autorität befähigt, ungeachtet dessen, wie viel jemand formal zugeteilt bekommt. Je mehr Autorität sie bekommen, desto gefährlicher werden sie. In unsere Selbstführung sollten wir die Hälfte unserer Zeit investieren und dabei unser Bestes geben. Und dabei sind die ethischen, moralischen und spirituellen Aspekte der Selbstführung unausweichlich." [1]

    aus Dee Hock's Birth of the Chaordic Age,
    Berrett-Koehler Publishers, Inc., San Francisco, 1999.
    (Gründer und früherer CEO von VISA)










    Bei diesem Modell - auch "Kern-Schalen-Modell" genannt - handelt es sich natürlich nicht um das einzige Modell, das die Psychodynamik des Menschen zu erklären versucht. Es ist jedoch bestechend einfach, nachvollziehbar und erweist sich in vielen Situationen als nützlich, wenn es darum geht, Emotionen besser zu verstehen und mit ihnen umzugehen. Das Modell ist von C. Thomann (Klärungshilfe: Konflikte im Beruf, rororo, 2002) vorgestellt worden und hat offensichtlich seine Wurzeln in der Arbeit von Wilhelm Reich[2].

    Die Grundannahme des Modells ist, dass sich im Laufe der Entwicklung eines Menschen emotionale Schichten um den Wesenskern seiner Psyche legen, die je nach seinem psychischem Entwicklungsstand und Reifegrad dessen emotionale Reaktionen und sein Verhalten beeinflussen. Diese emotionalen Schichten müssen später wieder durchdrungen werden, wenn der Mensch das ihm innewohnende Potential an Schaffenskraft sowie Liebes- und Glücksfähigkeit ganz entfalten will. Das Modell kann man sich also wie eine Art Zwiebel vorstellen. Im folgenden werde ich das Modell in seinen Grundaussagen erläutern und mit ein paar eigenen Erkenntnissen anreichern.

    Um dieses Modell für den besseren Umgang mit aktuellen Konfliktsituationen in Beruf und Partnerschaft zu nutzen, ist es wichtig, zunächst zu verstehen, wie die emotionalen Schichten im Leben eines Menschen entstehen.

    Die Entstehung der emotionalen Schichten



    Der Kern: Die Lebensfreude und die Liebe

    Der Mensch kommt als ein spontanes, lebendiges, lebensbejahendes und völlig schutzloses Wesen auf die Welt. Er hat von Anfang an existentielle Bedürfnisse, die gestillt werden müssen: Wasser, Nahrung, Atmen, Wärme, Schlaf, Pflege und Liebe. Jeder Mensch wird früher oder später in diesen Bedürfnissen frustriert, das heißt, er wird schon relativ früh im Leben auch damit konfrontiert, dass diese Bedürfnisse nicht immer oder zumindest nicht immer rechtzeitig voll und ganz gestillt werden. Dies führt je nach Schwere der Vernachlässigung und Frustration zu ersten Verletzungen und körperlichen und/oder seelischen Schmerzen. Als Folge unverarbeiteter Verletzungen legt sich mit der Zeit um diesen ersten ursprünglichen lebendigen Kern, der einfach nur leben will, eine erste emotionale Schicht, die ich weiter unten erläutere.

    Menschen, die sich den Zugang zu ihrem eigenen lebendigen Kern bewahrt haben, werden häufig als schöpferisch, wertschätzend und liebevoll erlebt. Ihre Gegenwart wird als einladend empfunden, sie tragen zu einer wertschätzenden und warmherzigen Atmosphäre in einer Gruppe bei. Der Kontakt mit ihnen ist inspirierend. Mit solchen Beschreibungen will ich nicht einer naiven Typologie und damit oberflächlichem Kästchen-Denken Vorschub leisten, sondern nur den emotionalen Schwerpunkt beschreiben, der die Grundhaltung und das Verhalten von Menschen prägt. Erfahrungsgemäß bildet jeder Mensch einen emotionalen Schwerpunkt aus, um den herum sein emotionales Empfinden kreist und von dem aus er mit Vorliebe mit dem Rest der Welt in Beziehung tritt.
    Generell gilt jedoch, dass alle Menschen zu allen Gefühlen fähig sind und diese je nach Situation auch mal erleben ? ungeachtet dessen, wo sie ihren emotionalen Schwerpunkt haben.

    Die erste Schicht: Der Schmerz

    Diese Schicht bezeichnet die primären emotionalen Antworten auf Frustrationen und Verletzungen: Gefühle der Hilflosigkeit und Ohnmacht, der Einsamkeit, des Hungers nach Zuwendung, Verzweiflung und Schmerz. Will der Mensch später wieder Zugang finden zu seinem lebendigen Kern, muss er sich notgedrungen den Schmerzen und Verletzungen stellen, die er einmal erlitten und in Folge abgewehrt und verdrängt hat.

    Menschen, die ihren emotionalen Schwerpunkt in dieser Schicht haben, empfinden sich häufig als Opfer der Umstände, machen andere für ihr Leid und Schicksal verantwortlich und versäumen deshalb, eigenverantwortlich ihr Schicksal in die Hand zu nehmen. Sie klagen häufig. Es ist im Grunde eine kindliche Haltung. Dass jemand aus dieser emotionalen Schicht heraus reagiert, erkennt man im Kontakt häufig daran, dass man das Gefühl bekommt, als Klagemauer herhalten zu müssen. Empfehlungen, was der andere tun könnte, um seine Situation zu verbessern, verhallen ungehört oder werden beleidigt zurückgewiesen. Das soll aber nicht bedeuten, dass es nicht gut ist, Menschen in emotional schwierigen Situationen zur Verfügung zu stehen und ihnen zuzuhören. Wenn jedoch der Eindruck entsteht, man wird nur als Klagemauer mißbraucht, ohne dass der andere bereit wäre, auch Verantwortung für die Änderung seiner Situation zu übernehmen, könnte dies ein Hinweis dafür sein, dass der andere in dieser Schicht hängen geblieben ist.


    Es gibt auch die integrierte Schicht des Schmerzes.
    Integriert bedeutet, dass der Mensch nicht länger damit beschäftigt ist, den Schmerz abzuwehren bzw. Schuldige für den Schmerz zu finden, sondern dass er ihn einfach annimmt und fühlt. In dem Maß, in dem Menschen ihren selbst erlebten Schmerz in diesem Sinne integriert haben, wächst auch ihre Fähigkeit zum Mitgefühl.

    Die zweite Schicht: Die Aggression

    Um die schmerzhaften Gefühle abzuwehren, lernt der Mensch, eine Art Schutzschicht sogenannter abwehrender Gefühle zu legen, die ihn davor bewahren sollen, die ursprüngliche Verletzung und den damit verbundenen Schmerz zu spüren. Die Aggression ist die natürliche Antwort auf eine Bedrohung. Wenn existentielle Bedürfnisse nicht genügend gestillt werden, erleben wir das als Bedrohung. Die Bedrohung ist dann das "Zu-kurz-kommen", die Verletzung, das Nicht geliebt- und Angenommensein, die Einsamkeit, der ungestillte Hunger (nach Nahrung oder Zuneigung) und alle schmerzhaften Gefühle, die damit einhergehen.

    Die Schicht der Aggression dient der Abwehr dieser schwierigen Gefühle wie Schmerz und Hilflosigkeit. Wir können davon ausgehen, dass hinter einer Aggression häufig ein nicht angenommener Schmerz, also ein abgewehrtes Gefühl steckt. Wir haben es folglich mit der Schicht der abwehrenden Gefühle zu tun.

    Menschen, die in der Schicht der Aggression hängen geblieben sind, werden häufig als laut und störend erlebt. Sie machen sich deutlich bemerkbar, aber leider eher destruktiv. Beispielsweise werden sie ihren Hunger nach Aufmerksamkeit und Zuwendung dadurch versuchen zu stillen, dass sie stören, zerstören, streiten, ärgern, trotzen und sich querstellen. Die Wut über das schmerzliche Zu-Kurz-Gekommensein wird gegen diejenigen gerichtet, von denen eigentlich einmal etwas erhofft wurde: die Mutter, die als nicht genügend nährend erlebt wird, wird von nun an wütend zurückgestoßen. Später kann sich dies auf Liebes- und Lebenspartner und überhaupt auf alle anderen Menschen ausdehnen.

    Das heißt aber nicht, dass alle Aggression nur die neurotische Abwehr von Schmerz ist. Wenn ein Mensch im Laufe seiner persönlichen Reifung auch die schmerzhaften Gefühle soweit angenommen hat, dass er sie nicht mehr abwehren muss, steht ihm die Kraft der Aggression für anderes zur Verfügung: Die Fähigkeit zur Aggression wird dann zu einer Kraft bzw. Fähigkeit, klar zu konfrontieren und zu kämpfen. Die Aggression ist eine gestaltende Kraft, die uns zur Verfügung steht, wenn es nötig ist.

    Man könnte auch sagen: Wenn wir uns mit unseren inneren Dämonen einmal ausgesöhnt haben, müssen wir unsere Kraft nicht länger darauf verwenden, sie zu bekämpfen und in einer Art Verlies in den Tiefen unserer Psyche gefangen zu halten. Statt dessen stehen sie uns nun wie gezähmte Haustiere zur Seite und spenden uns ihre Kraft, um uns zu schützen, oder um etwas Neues in die Welt zu setzen, an das wir glauben, auch wenn wir damit nicht nur auf Gegenliebe stoßen.

    Die dritte Schicht: Die Anpassung

    Da das heranwachsende Kind häufig für seine Aggression und seinen Trotz eher bestraft als geliebt wird, es gleichzeitig jedoch nach wie vor eine große Sehnsucht nach Geliebt-Werden und Angenommen-Sein in sich hegt, beginnt es, die Schicht der Anpassung wie eine Maske um seine Aggressionsschicht zu legen. Es ist nicht mehr wahrhaftig, sondern verleugnet die eigenen Gefühle und passt sich an, um damit die Liebe zu erkaufen, die es als wahrhaftiges Wesen nicht erhalten hat, - in der Hoffnung so zu dem zu kommen, was es immer noch vermisst. Der Preis für diese Art der Anpassung ist hoch: Depression, Leblosigkeit, Langeweile und Gefühle der Sinnlosigkeit.


    Menschen, die ihren emotionalen Schwerpunkt in dieser Schicht haben, sind meist unauffällig, konturlos und werden auch schnell als langweilig erlebt. Die Gefahr des Mitläufertums besteht bei ihnen, denn oberstes Kriterium ist, sich die Zuneigung der anderen (Eltern, Freunde, Partner, Chef) durch Anpassung zu erkaufen. Wenn die Zuneigung anderer das Wichtigste ist, wird das Äußern einer eigenen Meinung nicht mehr riskiert oder die allgemein erwünschte Meinung wird als die eigene deklariert.
    Sie hören ihre eigene innere Stimme (was brauche ich, was will ich, was ist mir wichtig?) vielleicht nicht mehr oder nur noch schwach, weil sie sich selbst fremd geworden sind. Und für andere sind sie auch nicht mehr hörbar, denn sie wagen ja nicht, ihr Individuelles in die Welt zu setzen, aus Angst, dass sie dann noch weniger Liebe erhalten. Deshalb fallen sie auch gar nicht mehr auf. Sie sind nicht hörbar, weil sie nicht mehr den wahrhaftigen Ausdruck wagen. Es hat sich eine undurchdringliche fade Kruste über ihren fühlenden Kern gelegt.


    Das heißt aber nicht, dass alle Anpassung nur der verzweifelte Versuch ist, durch Selbstverleugnung die Zuneigung der Eltern, des Partners oder des Chefs zu gewinnen. Bei erfolgreicher Integration wird aus der neurotischen Anpassung (äußerste Schicht) die Fähigkeit des Pirschens. Pirschen bedeutet zum Beispiel für den Jäger, sich so in die gewohnte Umgebung des gejagten Tieres anzupassen und so wenig wie möglich aufzufallen, damit er dem Tier möglichst nahe kommen kann, bevor er es erlegen oder fangen kann. Die Anpassung wird hier also bewusst eingesetzt, nicht aus der Angst heraus, unangenehm aufzufallen und abgewiesen zu werden, sondern im Dienste des gesetzten Ziels.

    Die Kunst des Pirschens beschreibt also ? allgemeiner gesprochen ? die Fähigkeit, sich dort anzupassen, wo es klug und ratsam ist, um den frei gewählten Sinn des eigenen Lebens zu erfüllen, zu überleben und im Dienste der Vision, der ich mich verpflichtet fühle, weiter voranzukommen. Ich bin nicht mehr einem Drang nach Anpassung um der Anerkennung willen ausgeliefert, sondern sie steht mir dort zur Verfügung, wo sie mir dienlich ist.

    Damit sind jetzt alle wesentlichen emotionalen Schichten erläutert.


    Letztendlich kommen wir gar nicht umhin, zunächst mal je nach Lebensumständen all diese emotionalen Schichten aufzubauen. Jeder Mensch, der das Erwachsenenalter erreicht, trägt Züge neurotischer Anpassung in unterschiedlicher Ausprägung, hat eine Neigung zu Trotz und Aggression sowie verdrängten Schmerz, den er noch nicht spüren will. Ungeachtet dessen hat jeder Mensch aber eben auch diesen ursprünglichen lebendigen Kern in sich, der nach wie vor ins Leben drängt und sich als lebendiger liebender Mensch manifestieren will.

    Das bedeutet, dass jeder Mensch vor der Aufgabe steht, die Reise wieder nach innen anzutreten, wenn er sich die Kraftquelle seines inneren Kerns voll und ganz erschließen will, wenn er liebes- und glücksfähig werden will. Nur wer im Kontakt ist mit diesem lebendigen Kern hat auch Zugang zu den Quellen der Intuition und Inspiration. Diesen Menschen merkt man an, dass sie sich eine kindliche Unbefangenheit im Wahrnehmen der Welt bewahrt oder wieder erschlossen haben. Das wirklich Neue kommt nur über solche Menschen in die Welt. Albert Einstein - sicherlich einer der berühmtesten Menschen des vergangenen Jahrhunderts ? ist hierfür ein eindrucksvolles Beispiel.


    Damit kein Missverständnis entsteht: Das wirklich Neue reduziert sich nicht auf wissenschaftliche oder künstlerische Höchstleistungen. Es zeigt sich auch in der Begegnung zweier Menschen, die lebendig und offen ist, wenn sie ohne Vorurteil und ängstliche Begrenzung zugelassen wird. Das Neue ist auch keineswegs uns Menschen vorbehalten. Es ist Manifestation der universellen schöpferischen Kraft schlechthin, die sich ohne Unterlass in vieltausendfache Formen entfaltet. Dies Kraft lässt sich nicht beherrschen und nicht planen, sie entzieht sich der Vorhersage und Berechenbarkeit.
    Jedem Menschen - ungeachtet dessen wo er im Leben gestrandet ist oder gerade blüht ? ist es möglich, den Zugang zu seinem inneren lebendigen Kern zu erweitern oder wieder zu öffnen. Aber dies gelingt ihm nicht immer aus eigenen Kräften.
    Manchmal helfen erschütternde Lebensereignisse, aber häufig braucht es auch mehr.


    So kann zum Beispiel ein schwerer Bergunfall mit tagelangem Ausharren in einer ausweglosen Situation einen Menschen mit unerträglich erscheinenden Gefühlen der Ohnmacht konfrontieren, obwohl Jahre des steten Berufserfolgs und eine gute Gesundheit ihn in der Illusion bestärkt haben: Alles ist machbar - jeder ist seines Glückes Schmied, wenn er nur wirklich will. Wenn er diese Erschütterung integriert, d. h. sich der damit verbundenen Gefühle bewusst bleibt anstatt sie wieder zu verdrängen, wird er nach solch einem Erlebnis ein anderer Mensch sein. Er wird vermutlich persönlich gereifter sein, weil er neben der Macht nun auch die Ohnmacht kennen gelernt hat und sie nicht länger verleugnet. Diese Erweiterung des Bewusstseins bringt mehr Tiefe in sein Leben und mehr Mitgefühl für die Menschen, die generell im Leben mit mehr Ohnmacht und Ausweglosigkeit konfrontiert sind als er.


    Wenn wir nicht auf kritische Schicksalsschläge warten wollen, die in der Regel zwar die wirkungsvollsten aber auch härtesten Lehrmeister sind, können wir uns auch entschließen, die Reise freiwillig nach innen zu wagen, zum Beispiel in dem wir neue Wege der Selbsterfahrung beschreiten.

    Damit beginnt für uns nach der ersten Phase (Entwicklung der emotionalen Schichten) die zweite Phase der Selbstentfaltung: die Integration der emotionalen Schichten.


    Der Weg der Selbsterkenntnis: Kraft gewinnen für Sein und Wirken


    Die folgende Beschreibung des Weges der Selbsterkenntnis fasst noch mal die Aussagen zur Entstehung der emotionalen Schichten aus einer anderen Perspektive zusammen.


    Menschen, die den Weg zurück zum Kern der Lebensfreude und der Liebe erfolgreich und umfassend beschritten haben, werden häufig als still und schöpferisch erlebt. Bei dieser Form der Stille handelt es sich nicht um das brave Stillsein im Sinne der Anpassung (bloß nicht auffallen!) sondern um die Fähigkeit, in sich zu ruhen - selbst in schwierigen Situationen, in denen andere in blinden Aktionismus geraten oder dem Totstellreflex erliegen. Gerade deshalb ist die bewusste Durcharbeitung der eigenen emotionalen Geschichte so wichtig für Menschen, die wesentliches in der Welt bewirken wollen. Und wer diesen Weg einmal sorgsam gegangen ist, stellt fest, dass dieser Weg zu einer spirituellen Entwicklung führt. Scott Peck legt dies in seinem Bestseller "The Road Less Traveled" eindrucksvoll dar .


    Bei der erfolgreichen Reise nach innen geht es nicht um die Beseitigung und Auflösung der emotionalen Schichten, sondern wie bereits erwähnt um deren Integration. Integration heißt nicht, dass ich etwas chirurgisch aus meiner Psyche schneide und dann los bin. Integration heißt, ich kämpfe nicht länger blind gegen das, was mir Mühe macht und versuche es zu vermeiden. Statt dessen habe ich dem, wogegen ich vorher gekämpft habe, einen guten Platz gegeben. Wenn das gelingt, verschwindet nicht nur das Problem, sondern es wachsen mir neue Kräfte und Fähigkeiten zu.
    Jede der vorgestellten emotionalen Schichten hält eine Kraft für uns bereit, die für ein erfülltes Leben unverzichtbar ist. Aber wir bekommen sie nicht umsonst. Jede dieser vier Kräfte hat ihren Preis.


    Die erste Kraft: die Fähigkeit des Pirschens


    Die neurotische Form der Anpassung ist das Verstummen meiner inneren Stimme. Ich zeige mich nicht, ich wage nicht, eigenes in die Welt zu setzen, ich passe mich an, verleugne und verrate mich selbst, um geliebt zu werden. Ich bin Sklave meiner eigenen Sucht nach Anerkennung.



    Bei erfolgreicher Integration wird aus der neurotischen Anpassung (äußerste Schicht) die Fähigkeit des Pirschens. Zur Erinnerung: Die Kunst des Pirschens ist für den Jäger unerlässlich, um erfolgreich zu sein. Jemand, der in diesem Sinne "pirscht", passt sich also nicht an, um sich die Zuneigung anderer zu sichern und Ablehnung zu vermeiden, sondern er tut dies wohlweislich, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Die Kunst des Pirschens beschreibt also ? allgemeiner gesprochen ? die Fähigkeit, sich dort anzupassen, wo es klug und ratsam ist, um den frei gewählten Sinn des eigenen Lebens zu erfüllen, zu überleben und im Dienste der Vision, der ich mich verpflichtet fühle, weiter voranzukommen. Ich bin nicht mehr einem Drang nach Anpassung um der Anerkennung willen ausgeliefert, sondern sie steht mir dort zur Verfügung, wo sie mir dienlich ist.


    Der Preis für diese Kraft ist die Bereitschaft, seine Bedürfnisse nicht sofort zu befriedigen, obwohl es einen drängt, sondern auf den rechten Augenblick zu warten. Gutes Pirschen braucht ein hohes Maß an Kontrolle der eigenen unmittelbaren Impulse. Es geht hier jedoch nicht um Unterdrückung eines Impulses, sondern um die bewussten Aufschub einer Bedürfnisbefriedigung. Wie sehr auch der Jäger schon hungrig sein mag, er weiß, dass er seinen Hunger zügeln muss, um den rechten Augenblick abzuwarten. Er weiß, wenn er das nicht tut und von Hunger getrieben sofort aus der Ferne auf das Tier losläuft, wird er leer ausgehen. Wenn ein Bauer trotz seines Hungers wartet, bis seine Saat aufgegangen ist und die Früchte reif sind, ist das auch nichts anderes als eine Anpassung an das, was sich seiner Kontrolle entzieht: die Wachstumsgeschwindigkeit der gesäten Pflanzen. Die Kunst des Pirschens setzt letztendlich eine Demut vor dem nicht Kontrollierbaren voraus. Wir passen uns dem nicht Kontrollierbaren an, um es für unsere Ziele wenigstens nutzen zu können. Der Preis für diese Kraft ist also Demut und Verzicht.


    Die zweite Kraft: Die Fähigkeit zu kämpfen und zu konfrontieren

    Aus der Schicht der Aggression und dem Trotz wird die Fähigkeit, für die eigenen Werte zu kämpfen, zu konfrontieren und mutig Eigenes in die Welt zu setzen ? selbst dort wo nicht darauf gewartet wird und eher Anstoß genommen wird (was recht häufig der Fall ist). Ich bin nach erfolgreicher Integration nicht mehr damit beschäftigt, zu stören, zu zerstören oder Streit um des Streites Willen zu suchen, sondern stelle die Kraft der Aggression in den Dienst der Ziele, Werte und Visionen, für die ich mich entschieden habe.


    Der Preis für diese Kraft ist die Bereitschaft, nicht geliebt zu werden. Es ist der Verzicht auf Anerkennung und Zuneigung, obwohl wir sie nach wie vor schätzen und brauchen. Aber im Zweifelsfall bleiben wir uns treu. Wie beispielsweise Martin Luther, der an einem persönlichen und auch historischen Wendepunkt der abendländischen Geschichte vor einem Tribunal gezwungen werden sollte, seine Überzeugungen zu widerrufen und statt dessen bekannte: Hier stehe ich und kann nicht anders! Er verweigerte die Anpassung an die herrschende Meinung und riskierte damit Verfolgung und Vernichtung - nicht aus Trotz, sondern aus innerer Überzeugung und aus Treue zu den eigenen Werten. Erst diese Risikobereitschaft ließ ihn so viel bewegen. Eine unglaubliche Kraft.


    Die dritte Kraft: Die Fähigkeit des Mitgefühls

    Aus der Schicht des Schmerzes wird die Fähigkeit des Mitgefühls entwickelt. Ich bin nicht mehr damit beschäftigt, auf Trost zu warten oder zu klagen oder mich selbst zu bemitleiden, sondern ich weiß um meinen Schmerz, fühle ihn und kann deshalb auch den Schmerz eines anderen fühlen. Ich fühle mit, aber ich leide nicht mit.


    Der Preis für diese Kraft ist die Bereitschaft, das Unglück in dieser Welt zu fühlen, den eigenen Schmerz zu fühlen und sich berühren zu lassen vom Leid anderer. Es ist deshalb ein notwendiger Preis, weil wir uns nicht selektiv nur dem Glück und der Lebensfreude öffnen können und die schmerzhafte Seite des Lebens ausblenden können. Hier lohnt es sich, sorgsam zwischen Vergnügen und Lebensfreude zu unterscheiden. Das Vergnügen können wir suchen und finden, um uns kurzzeitig von den schmerzhaften dunklen Seiten des Leben abzulenken ? zum Beispiel mit einer Party, einem lustigen Film oder Alkohol und Drogen.


    Die wahre Lebensfreude und tiefes Glück können wir jedoch ausnahmslos nur empfinden, wenn wir gleichermaßen bereit sind, auch die schmerzhafte Seite des Lebens zu fühlen. Wer aber einmal auf den Geschmack gekommen ist, wird immer wieder bereit sein, diesen Preis zu zahlen, denn dafür werden wir reich beschenkt: Wir sind verbunden mit uns, mit unseren Mitmenschen und mit der Welt. Wir sind angekommen im Leben und nicht länger auf der Flucht vor uns selbst.

    Damit kommen wir in einen Bereich, in dem die vierte Kraft auf uns wartet. Dieser Bereich führt gleichzeitig zum Tor in die Stille.


    Die vierte Kraft: die Fähigkeit allein zu sein und darin mit dem Ganzen verbunden zu sein


    Gelingt es einem Menschen, zu seinem innersten Kern vorzudringen, weil er nicht mehr unaufgelöstem in den äußeren emotionalen Schichten anhaftet, ist er im Leben angekommen. Der Mensch ist frei im Fühlen und Handeln. Seine Kraft blockiert sich nicht mehr selbst, er investiert sie nicht mehr in Abwehr oder Flucht, sondern sie steht ihm für ein schöpferisches Leben zur Verfügung. Er entdeckt die Liebe in sich. Er ist frei, weil er notfalls auch allein sein kann, wenn er für das einsteht, wovon er überzeugt ist und was ihm wichtig ist. Das heißt nicht, dass er sich nicht freuen würde, wenn er Gleichgesinnte für seine Sache
    findet, aber er ist nicht mehr bestechlich. Er verrät nicht mehr seine Sache, wenn er vor die Wahl gestellt ist: Zuneigung und Anerkennung oder Treue zu seinen Zielen, Werten und Visionen.


    Das Paradoxe ist, dass der Mensch erst durch die Fähigkeit, ganz allein zu sein, wieder frei ist, das zu spüren was er ist: mit allem verbunden. Dieses Paradox drückt sich interessanterweise in ein und dem selben Wort aus: "Allein sein" heißt letztendlich "All-Eins sein". Damit verlässt er den Bereich des persönlichen Bewusstseins und tritt in den Raum der Stille ein: symbolisiert durch das Zentrum, das ich dem Globe-Modell hinzugefügt habe.

    In meinem Buch "ein unvermeidliches Geschenk" vertiefe ich den hier skizzierten Weg der Selbsterkenntnis:

    www.ein-unvermeidliches-geschenk.de

    Inzwischen habe ich eine Variante des Modells entwickelt, die es erlaubt, die Erkenntnisse der Quantenphysik, wie sie Amit Goswami (Professor für Quantenphysik, University of Oregon, Eugene) interpretiert, zu integrieren. Siehe hierzu folgenden Link:
    Die Sprache der inneren Weisheit - oder: Lebensfreude! Wo ist sie nur geblieben?




    Literatur

    • Cohn, Ruth: Es geht ums Anteilnehmen. Die Begründerin der TZI zur Persönlichkeitsentfaltung. Herder Spektrum, 1989
    • Reich, Wilhelm: Charakteranalyse, 1933, erweiterte Fassung: Kiepenheuer & Witsch, Köln 1970
    • Satir, V.; Banmen, John; Gerber, J.; Gomori, M.: The Satir Model: Family Therapy and Beyond. 1991. Deutsch: Das Satir-Modell: Familientherapie und ihre Erweiterung, Jungfermann-Verlag, 2007.
    • Singer, Michael, A.: Die unbändige Seele, Ein Weg der Befreiung, Edition Spuren, Bern, 2013
    • Thomann, Christoph; Schulz von Thun, F.: Klärungshilfe 2: Konfliktklärung im Beruf: Methoden und Modelle klärender Gespräche, 2004




    Weblinks




     Fussnoten 

    1. [Originaltext, übersetzt durch Ingo Heyn]: The first and paramount responsibility of anyone who purports to manage is to manage self, one's own integrity, character, ethics, knowledge, wisdom, temperament, words, and acts. It is a complex, never-ending, incredibly difficult, oft-shunned task. Management of self is something at which we spend little time and rarely excel precisely because it is so much more difficult than prescribing and controlling the behavior of others. Without management of self, no one is fit for authority, no matter how much they acquire. The more authority they acquire the more dangerous they become. It is the management of self that should have half of our time and the best of our ability. And when we do, the ethical, moral, and spiritual elements of managing self are inescapable.

    2. "Schematisch vereinfacht ist [nach Wilhelm Reich, Anmerkung durch Ingo Heyn] die Persönlichkeit in drei "Schichten" darstellbar:
      1. Äußere Schicht: Oberfläche, Fassade der sozial erwünschten Seiten. Sie präsentiert sich oftmals in übermäßiger Höflichkeit.
      2. Mittlere Schicht: sozial unerwünschte, reaktive Haltungen, sogenannte negative Emotionen. Reich zufolge sind sie jedoch kein Hinweis auf die biologische Verankerung der Destruktivität, sondern Ausdruck der "Wut über die Versagung im Leben und den Mangel an sexueller Befriedigung"; sie stehen somit im Dienste des Lebenstriebes.
      3. Der Kern: Die primären Bedürfnisse. "In der Tiefe des neurotischen Mechanismus, hinter all den gefährlichen, grotesken, vernunftlosen Phantasien und Impulsen fand ich ein Stück einfacher, selbstverständlicher, anständiger Natur" (Reich 1977, 133). Zitiert nach: G. Stumm & B. Wirth ( Hrsg.): Psychotherapie. Schulen und Methoden. Eine Orientierungshilfe für Theorie und Praxis (pp. 142-155). Wien: Falter. 1994)